In meiner Heimat Spanien müssen Kinder, die die Musikschule besuchen möchten, vorgängig  eine kleine Aufnahmeprüfung absolvieren. Jährlich gibt es für die verschiedenen Instrumente eine beschränkte Anzahl Plätze.  Meist ist die Nachfrage grösser als das Angebot. So dürfen die jüngeren Kinder und diejenigen, die beim Test besser abgeschnitten haben, zuerst ihr Instrument auswählen. Die Anderen müssen nehmen, was übrig bleibt.

 

 Im Alter von neun Jahren habe ich diesen Test auch gemacht.  Obschon  niemand in meiner Familie musiziert, hat mich die Musik schon im Kindesalter fasziniert. So ging ich mit viel Enthusiasmus aber gänzlich unvorbereitet in dieses Verfahren. Ich wollte an die Musikschule um Klavier oder Geige spielen zu lernen.  Nicht weil ich diese Instrumente besonders liebte, sondern weil dies die einzigen Instrumente waren, die ich kannte.  Als ich an die Reihe kam zu wählen, war bei den Instrumenten meiner Wahl kein Platz mehr frei. Ein Lehrer schlug mir deshalb vor, es doch einmal mit der Bratsche zu probieren. Das sei ja ganz ähnlich wie Geige. Der Lehrer schien mir ganz nett, so willigte ich ein.

       Diejenigen, die  hier eine Geschichte von „Liebe auf den ersten Blick“ erwartet haben, muss ich leider enttäuschen.  Mein erster Kontakt mit der Bratsche war purer Zufall. Ich hatte nie geplant  dieses Instrument  zu spielen. Hätte mir der Lehrer damals Fagott oder Gitarre empfohlen, wer weiss, was aus mir geworden wäre.

         Erst mit der Zeit merkte  ich, was für ein glücklicher Zufall diese Instrumentenwahl war. Heute liebe ich es, meine Bratsche zu spielen. Ich mag den besonderen den Klang, tief und mit viel Charakter.  Im klassischen Orchester und in der Kammermusik ist die Viola selten im Vordergrund. Die Bratsche spielt meist im Zentrum der Harmonien, als Untermalung, fast unbemerkbar aber absolut  notwendig.  Ich denke, das passt sehr gut zu meiner Persönlichkeit.  Im Orchester will die Bratsche nicht unbedingt im Vordergrund stehen und den Ton angeben. Das überlassen wir den Geigen. Die Bratschisten, sind anders. Wir stellen uns in den Dienst des Klanges des gesamten Orchesters. Vielleicht ist es gerade diese Zurückhaltung, welche uns den Spott der übrigen Musikanten eingebracht hat. Wer im Internet nach „Bratsche-Witze“ sucht, wird schnell fündig.  Aber Bratschisten haben Humor und nehmen es  gelassen. Immerhin sind wir Violaspieler in guter Gesellschaft: Bach, Monteverdi, Mozart, Dvorák, Hindemith… sie alle waren Bratschisten!


In einem Interview beschreibt die berühmte deutsche Bratschistin Tabea Zimmerman wie ihr Anfang mit diesem Instrument war:

 

Das hatte damit zu tun, dass die beiden älteren Schwestern schön Geige und Cello spielten und der Geigen- und Bratschenlehrer, Herr Mantel, der Meinung war, dass es besser sei, wenn jedes Kind sein eigenes Instrumenten lernen würde. Ich wusste mit drei Jahren ganz sicher noch nicht, was eine Bratsche ist. Ich habe als Kind sehr deutlich gezeigt, dass auch ich spielen wollte, indem ich mir täglich ein Notenpult und zwei Kochlöffel genommen habe, die ich wie Geige und Bogen gegeneinander führte, und zwar regelmässig eine Viertelstunde. Das haben sich die Eltern ein paar Monate angesehen und mit dem Geigenlehrer gesprochen. Herrn Mantel interessierte es sehr, ob man mit kleinen Kindern gleich auf der Bratsche anfangen könnte. Er hat ja viele Streichquartette an der Musikschule zusammengestellt und dachte natürlich auch an diese Möglichkeit bei uns Geschwistern. Es war ja Konzept dieser Musikschule, dass es beim Üben immer um das gemeinsame Musizieren gehen sollte. "

 

Sogar bei Tabea Zimmerman  war es also eher der Zufall und der Rat eines Musiklehrers, der sie zu diesem Instrument hin führte.  

 

Ich würde mich sehr freuen,  ebenfalls einen jungen, musikalischen Menschen  auf seinen Weg zum Spiel mit der Bratsche zu begleiten.